Volksschüler im Gestrüpp der Bildungsbürokratie

Eine Chronik

Was in dieser Chronik berichtet wird, fusst ausnahmslos auf tatsächlich Geschehenem. Die vorkommenden Personen – Schüler, Eltern, Lehrer, Schulleiter usw. – sind dem Bildungs-Kompass bekannt, werden für diese Chronik aber mit von der Redaktion erfundenen Namen präsentiert.

 

10. Februar 2016

Alain

Das Unheil kündigte sich schon im Kindergarten an: Eine Dreiergruppe kräftiger Buben wurde gegen andere oft und für ihr Alter bedrohlich gewalttätig. Alain war ihr bevorzugtes Opfer. Hier den Bericht im PDF-Dokument herunterladen: Chronik «Alain» - Volksschüler im Gestrüpp der Bildungsbürokratie

In der ersten und zweiten Klasse ging es Alain gut. Eine erfahrene Lehrerin hielt die drei Gewalttäter in Schach. Weil ihr die regelmässige Orientierung der Schulleitung über gravierende Vorfälle aber nichts als abwertende Kritik eintrug, wechselte die der Situation gewachsene Lehrerin frustriert in eine andere Schulgemeinde.

Immer wieder Gewalt

Die erfahrene wurde durch eine Junglehrerin, frisch ab Ausbildung, ersetzt. Diese erwies sich von Anfang an als überfordert. Gewalt griff wieder um sich. Die «Dreierbande» pflückte Einzelne heraus. Nicht wenige blieben blutend liegen.

Die Lehrerin, von besorgten Eltern angegangen, rief die Schulleitung zu Hilfe. Immerhin: Eines Tages erschien der Drahtzieher der Dreierbande nicht mehr im Schulzimmer. Er war einer andern Klasse in anderem Schulhaus zugeteilt worden. Sofort eskalierte dort die Gewalt. Sogar die Lehrerin wurde Opfer einer Tätlichkeit.

Zum Beginn der vierten Klasse tauchte der Drahtzieher wieder in Alains Klasse auf. Er war im andern Schulhaus untragbar geworden. Bald kam es erneut zu – keineswegs harmlosen – Schlägereien. Opfer wurden auch jüngere Schüler tieferer Klassen. Einmal eilte Alain einem Erstklässler zu Hilfe. Dafür musste er äusserst schmerzhaft büssen.

Eltern werden aktiv

Die Gewalt eskalierte. Einige Eltern richteten einen Beschwerdebrief an die Schulleitung. Diese reagierte kaum. Jedenfalls nicht gegenüber den jugendlichen Gewalttätern. Wehrten sich Schüler – auch Alain – gegen deren Attacken, wurden die Opfer der Schläger als «auch nicht besser» gescholten. Als sich mehrere Eltern dagegen verwahrten, sprach der Schulleiter von «nicht hinzunehmender Absprache» unter Eltern gegen die Schule.

Besorgt registrierten Alains Eltern, wie dieser seinen Frust abreagierte mittels Gewalt gegen seine jüngeren Geschwister. Dies geschah aber nur während Schulwochen. In den Ferien entspannte sich Alain rasch.

Da suchten Alains Eltern Kontakt zu Alains Lehrerin, denn dessen Schulleistungen verschlechterten sich deutlich. Die Lehrerin sprach von «Konzentrationsschwierigkeiten», unternahm aber nichts. So wandten sich die Eltern ans Jugendsekretariat. Eine gewisse Familienberatung setzte ein.

Geld fehlt

Alains Mutter stellte eines Tages fest, dass ihr wahrscheinlich Geld fehle. Sie vermutete, Alain könnte ihr Kleinbeträge für Schleckzeug entwendet haben. Hinweise darauf (Zeltli-Papiere in Hosentaschen) gab es aber keine. Alain bestritt, Geld entwendet zu haben.

Unterdessen mobilisierte das Jugendsekretariat den Schulpsychologischen Dienst. Dieser forderte die Lehrerin auf, die Entwicklung «aufmerksam zu verfolgen». Und er mobilisierte den Schul-Sozialarbeiter. Dieser besuchte Alains Klasse allerdings erst ein geschlagenes halbes Jahr später. Und nur ein einziges Mal. «Zeitliche Überlastung» machte er geltend.

Viele «Verantwortliche» – Niemand greift ein

Alains jüngerer Bruder vermittelte den Eltern gewisse Beobachtungen: Alain habe einem Schüler der «Dreierbande» eine Zehnernote ausgehändigt. Darauf stellte Alains Vater den Empfänger der Zehnernote. Dieser gab rasch zu, von Alain Geld erhalten zu haben – Resultat einer von Alain verlorenen Wette. Eigentlich schulde Alain ihm zwanzig Franken. Aber er verzichte jetzt auf die zweite Hälfte.

Tags darauf passte die Dreierbande Alain ab. Er wurde bedrohlich gewürgt. Schwere Gewalt wurde Tatsache. Erneut wendeten sich die Eltern an den Schulleiter, kritisierten die Nicht-Aktivität des Sozialarbeiters. Der Schulleiter versprach Intervention, tat allerdings nichts. Die Schläger wurden nie zur Rede gestellt.

Erpresst!

Anfänglich bestritt Alain, dass Geld im Spiel sei. Von den Eltern immer wieder befragt, brach er unversehens zusammen: Er wurde bereits seit längerer Zeit erpresst. Zuerst habe er der Dreierbande seinen Znüni abliefern müssen. Dann habe er für sie zusätzlich Süssigkeiten und Getränke einkaufen müssen. Und bald forderten sie ihm Bargeld ab – Zehnernötli, Zwanzigernötli. Andernfalls habe er mit Schlägen zu rechnen.

Der erneut zu Hilfe gerufene Schulleiter versprach endlich Massnahmen – aber er unternahm erneut nichts. Doch endlich begab sich der Schul-Sozialarbeiter – ein einziges Mal – in Alains Schulzimmer. Alains Eltern erfuhren vom Schulleiter dazu aber nichts.

Auch andere Eltern beschwerten sich beim Schulleiter über sich verschärfende Gewalt, ausgehend immer von der gleichen Dreiergruppe. Die Lehrerin – ebenfalls angesprochen – zeigte weiterhin keine Reaktion.

Keinerlei Reaktion

Auf nachhaltigen Druck von Alains Eltern fand dann endlich eine Besprechung statt. Nebst dem Schulleiter erschien auch der Leiter des regionalen Schulpsychologischen Dienstes. Die Eltern berichteten und dokumentierten. Der Schulleiter, sich offensichtlich unter Druck fühlend, versprach «angemessene Massnahmen». Es erfolgte nur eine einzige: Alle Eltern wurden brieflich ersucht, zu «friedlichem Klima» in Schulhaus und Klasse beizutragen.

Alains Eltern verlangten Auskunft, was die Schulleitung in Form «angemessener Massnahmen» unternommen habe. Diese blieb jede Antwort schuldig. Alain wurde erneut erpresst – wozu er der Mutter eine weitere Zwanzigernote entwenden musste.

Allmählich beschlich Angst die Eltern. Denn Alain erfuhr von Seiten der Schule nicht den geringsten Schutz. Der Schulleiter, in die Enge getrieben, äusserte sich bloss dahin, dass «von beiden Seiten Gewalt ausginge».

Nicht mehr zur Schule

In ihrer Not beschlossen die Eltern, Alain nicht mehr zur Schule zu schicken. Sie erwarteten davon auch eine Reaktion des Schulleiters. Dieser blieb aber stumm. Nach einer Woche – Alain war der Schule ferngeblieben – riefen die Eltern beim Schulleiter an. Man hatte im Schulhaus registriert, dass Alain nicht mehr auftauchte. Aber niemand sah sich darob zu einer Handlung veranlasst.

Energisch zur Rede gestellt, bemängelte der Schulleiter schliesslich bloss, er sei über «angebliche Erpressungsversuche» eben «nie schriftlich» orientiert worden. Deshalb könne man von ihm auch keine Massnahmen erwarten. Die Eltern, nach all den Gesprächsversuchen zunehmend empört, fassten alles Geschehene schriftlich zusammen. Aber es geschah weiterhin nichts.

Immerhin trug die elterliche Idee, die zuständige Schulpflege per Kopie über die Vorgänge im Schulhaus Alains zu orientieren, plötzlich Früchte – allerdings verspätet. Denn der Brief, via Schulsekretariat an die Pflege gesandt, blieb auf diesem Sekretariat, also im Schulhaus, zunächst eine Woche ungeöffnet liegen…

Polizei

Eines Tages erfuhren Alains Eltern – Alain hielt sich weiterhin zu Hause auf – plötzlich, die Polizei sei im Zimmer von Alains Klasse aufgetaucht. Für Schüler-Befragungen. Der Schulleiter habe orientiert, Alains Eltern hätten die Polizei eingeschaltet – was nicht stimmte. Aber die Schüler verbreiteten die Information des Schulleiters weiter. Alains Lehrerin – sonst betont passiv – stellte immerhin richtig, dass in Wahrheit der Schulleiter selbst die Polizei aufgeboten hatte. Alain wurde auf den Polizeiposten geladen. Die Polizei äusserte sich später gegenüber den Eltern, die vermuteten Täter hätten alle Erpressungen und Erpressungsversuche – recht abgebrüht – abgestritten. Da Beweise – eine fotografische Dokumentation der Geld-Übergabe – fehlten, könne die Polizei wenig unternehmen. Es sei an der Schule zu handeln.

Dies begriff immerhin die Schulpflege – sie unternahm gegen die Täter aber auch nichts. Aber das – Alains Eltern offen angeratene – Gesuch um Versetzung Alains in ein anderes Schulhaus wurde sofort bewilligt.

Seither geht es Alain gut. Seine persönliche Situation in der Schule hat sich entscheidend gebessert. Er erfährt jetzt sogar Begabten-Förderung.

Aufschlussreich: Schulleiter und Lehrerin im zuvor besuchten Schulhaus, wo das Drama um Alain Tatsache wurde, haben sich mit keinem Wort je erkundigt, ob sich die Lage für Alain verbessert habe. Funkstille scheint dort Leitmotiv zu sein. Lediglich der Schulpsychologe interessierte sich für das weitere Schicksal Alains.

In der von Gewalt heimgesuchten Schule kam es – angeordnet von der Schulpflege – immerhin noch zu einem Elternabend. Wobei der in der Kritik stehende Schulleiter, wie sich rasch herumsprach, mit einzelnen Eltern im Voraus Kontakt aufgenommen hatte: Sie sollten «sein Vorgehen» (so etwas gab es gar nie) am Elternabend doch bitte positiv würdigen…

Die Schulpflege kündigte – ohne in Details zu gehen – noch gewisse Massnahmen an. Wenige Wochen danach gab der Schulleiter seinen Weggang kund. Aber er ist – in anderer Schulgemeinde – weiterhin als Schulleiter tätig.

Alain geht es gut. Dank dem erfolgten Schulhaus-Wechsel. Im «alten» Schulhaus geht der alte Trott weiter. Zahlreiche Funktionäre pflegen Projekte für «gewaltlosen Umgang auf Schulhof und in den Klassen».

Aber gegen die schweren Gewalttäter in dieser Schule unternimmt niemand etwas.

Aktion Bildungs-Kompass

08.02.2016 | 964 Aufrufe