Volksschüler im Gestrüpp der Bildungsbürokratie

Eine Chronik

Was in dieser Chronik berichtet wird, fusst ausnahmslos auf tatsächlich Geschehenem. Die vorkommenden Personen – Schüler, Eltern, Lehrer, Schulleiter usw. – sind dem Bildungs-Kompass bekannt, werden für diese Chronik aber mit von der Redaktion erfundenen Namen präsentiert.

 

20. April 2016

Bettina

Bettina besucht eine Reformschule, in welcher – offiziell bewilligt und gefördert von der Zürcher Bildungsdirektion – modische Reformen gleichsam paketweise in einem über Jahre angelegten Schulversuch ausprobiert werden. Hier den Bericht im PDF-Dokument herunterladen: Chronik «Bettina» - Volksschüler im Gestrüpp der Bildungsbürokratie

In Bettinas Klassenzimmer stehen eine ganze Serie von Schulreformen, die den Reformfunktionären wichtig sind, gleichzeitig im Versuch: Der Unterricht wird integrativ erteilt; es sitzen also Schüler aller Begabungsstufen, aber auch leistungsbereite einerseits, lernunwillige andererseits, dazu verhaltensauffällige beziehungsweise verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche, aufmerksame und kaum des Stillesitzens fähige Schülerinnen und Schüler im gleichen Klassenzimmer. Der Unterricht wird jahrgangsübergreifend erteilt.

Erst-, Zweit- und Drittklässler werden also – teilweise am gleichen Stoff – nebeneinander und miteinander unterrichtet. Die Schüler lernen am Bildschirm, bewältigen dort individuell ausgerichtete Programme. Der Klassenlehrer beherrscht die Computerprogramme als «Coach» hinter seinem Bildschirm. Von dort überwacht er das Geschehen, wobei seine Aufmerksamkeit allerdings vor allem seinem Bildschirm gilt, weniger seiner Klasse.

Unterricht via Bildschirm

Jedes Kind wird an seinem Bildschirm individuell beschäftigt. Kaum zwei Schüler im Schulzimmer bewältigen gleichzeitig die gleichen Aufgaben. Im Zimmer herrscht reges Kommen und Gehen. Offenbar haben einzelne Schüler in Gruppenräumen Therapien zu besuchen. Nach einer Viertelstunde, nach einer Halbstunde kehren sie zurück, dafür verlassen andere das Zimmer. Die Unruhe stört nachhaltig.

Es gibt Schüler, die sich auf vor allem schriftlich zu lösende Aufgaben konzentrieren müssen. Ihnen stehen «Pamir-Hörschutzgeräte» zur Verfügung – die gleichen Hörschutzgeräte, welche Schweizer Armeeangehörige zum Schiessen benutzen.

Am Computerpult eines jeden Schülers befindet sich vorne links eine Art Antenne, zirka sechzig Zentimeter hoch. Daneben liegen ein oder zwei «Chlüppli». Hat ein Kind ein Problem, weiss es bei einer Aufgabe nicht weiter, versteht es eine «Lernhilfe» auf seinem Bildschirm nicht, dann kann es eine seiner Wäscheklammern an seine Antenne heften. Schaut der Lehrer einmal auf und erblickt er dabei «Chlüpplis» an Tischantennen, dann besucht er gelegentlich das Kind, das ihn per Wäscheklammer herbeiruft. Er bespricht dann mit dem Kind dessen Problem, das ihm das Weiterkommen im vom Computer vorgegebenen Lernprogramm verunmöglicht hat.

Symbolbild: pixabay.com

Erstklass-Rechnungen

Bettina ist als Erstklässlerin dieser Testklasse für moderne Schulreformen zugeteilt. Sie war, als wir sie beobachten konnten, etwa seit einem halben Jahr Schülerin.

Der Bildschirm stellt Bettina Rechenaufgaben. Sie hat vorerst Additionen zu bewältigen, die den Zehner überschreiten (also zum Beispiel 9+3, 7+5, 8+9 usw.). Für eine zweite Etappe hält ihr Programm für sie, so erfahren wir etwas später, auch Subtraktionen im gleichen Zahlenraum bereit. Soweit kommt Bettina am gleichen Tag allerdings nicht. Sie tut sich schwer mit den ihr gestellten Aufgaben: Noch sind die Felder, in welche sie die Resultate eintippen sollte, allesamt leer.

Bettina starrt auf ihren Bildschirm. Sie weiss nicht weiter. Greift sie also zum «Chlüppli», nutzt sie die Signalantenne, auf dass ihr der Lehrer zu Hilfe komme?

Nein, Bettina hilft sich anderweitig: Sie stösst mit dem Ellbogen ihre Nachbarin an, eine Drittklässlerin, die mit einem ganz anderen Programm an ihrem Bildschirm beschäftigt ist. Immerhin: Sie erfasst sofort, was für Aufgaben Bettina lösen müsste. Und sie beginnt, ihr in rascher Folge ein Resultat nach dem anderen zu den gestellten Aufgaben zuzuflüstern. Weil Bettina beim Eintippen der ihr genannten Zahlen noch nicht so flink ist, greift die ihr helfende ältere Nachbarin bald selber in die Tasten von Bettinas Computer. Der Lehrer, ganz auf seinen Bildschirm konzentriert, übersieht die «freundnachbarliche Zusammenarbeit» gänzlich.

Spitzenschülerin

Rasch füllt sich der Bildschirm mit den gesuchten Resultaten, die eigentlich von Bettina verlangt worden sind. Ob Bettina versteht, was da an neuen Zahlen rasch vor ihr auftaucht, bleibt zumindest offen.

Wenig später ist die Schulstunde vorbei. Weil Besucher im Zimmer sind, zeigt der Lehrer, wie er das von den Kindern in beobachteter Lektion je individuell Geleistete bewertet. Sein Computer verfüge, erklärt er, auch über ein Controlling-Programm, das sorgfältige individuelle Bewertung jeder Schülerleistung gewährleiste. Als Leistungsbester des Tages werde also gewiss nicht einfach der flinkste Drittklässler eruiert. Sein Programm, erläutert der Lehrer, bemesse sämtliche erbrachten Leistungen an den für jedes einzelne Kind eingespiesenen Leistungsmöglichkeiten. Die individuelle Leistungsfähigkeit, nicht der bewältigte Stoff bestimme die von seinem Programm errechnete und alsogleich ausgespuckte Rangliste aller Schülerinnen und Schüler. 

Auch innerhalb des gleichen Jahrgangs würden die Leistungen der Schülerinnen und Schüler nicht am von ihnen bewältigten Stoff bemessen. Es werde vielmehr die erbrachte Leistung gemessen an der vom Computer für jeden Schüler individuell eingespiesenen Leistungsfähigkeit.

Als diese Erklärungen, die verständlicherweise etwelches Staunen auszulösen vermochten, vermittelt waren, rief der Lehrer das Tagesresultat ab. Und als «Tagessiegerin» erschien das Bild der während der vorangegangenen Stunde lange beobachteten Bettina, der Erstklässlerin, die mit ihren Rechnungen über die Zehnergrenze so gar nicht zurechtgekommen war, der die ihr benachbarte Drittklässlerin schliesslich alle Resultate huschhusch eingeflüstert und eingetippt hatte.

Bettina wurde gebührend gelobt. Sie strahlte – während ihre Nachbarin schwieg – auffällig gleichgültig das verkündete Tagesresultat hinnehmend.

Weil der Lehrer – Resultat der von den Bildungsfunktionären in rascher Folge durchgesetzten Reformen – heute bloss noch Coach, also Dompteur seines Computers ist, der seinen Computer-Programmen alles glaubt, was diese ausspucken, kommt es ihm schon gar nicht in den Sinn, das elektronisch errechnete Tagesresultat zu hinterfragen. Der Computer hat immer Recht.

So erlebt Bettina – man darf sie wohl als Durchschnittsschülerin bezeichnen – ihren Tagessieg in einer Zürcher Reformschule, die den Lehrer auf blosses Programmvermitteln reduziert hat.

Aktion Bildungs-Kompass

 

Wenn auch Ihnen, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, das Schicksal einer Schülerin oder eines Schülers bekannt ist, die ins Gestrüpp kaum mehr durchdringbarer Bildungsbürokratie geraten sind, und wenn Sie glauben, dass deren Erleben der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden sollte, dann setzen Sie sich doch bitte mit dem Bildungs-Kompass in Verbindung. Wir prüfen dann die Veröffentlichung Ihrer Geschichte im Rahmen der Chronik «Volksschüler im Gestrüpp der Bildungsbürokratie».

Tel.: 052 301 31 00           Fax: 052 301 31 03          Mail: info@bildungs-kompass.ch