Diskussionsbeitrag von Hanspeter Amstutz zur Vernehmlassung des Zürcher Lehrplans 21: Überfüllte Lektionentafeln aufgrund eines hohen Erwartungsdrucks

Schafft ein möglichst lückenloses Bildungsprogramm eine starke Volksschule? Dies könnte man fast vermuten, wenn man einen Blick auf die überfüllten Lektionentafeln des in die Vernehmlassung geschickten Zürcher Lehrplans 21 wirft. Getragen von der Vorstellung, dass eine detaillierte Planung mit nicht weniger als 2700 Teilzielen den Erfolg schon fast garantiere, wird die Volksschule ganz gehörig unter einen Erwartungsdruck gestellt. Da werden 36 Wochenlektionen im achten Schuljahr festgelegt, obwohl man längst weiss, dass kaum ein Schüler ohne Leistungseinbussen dieses Wochenprogramm schafft.

Mehr Lektionen auf Kosten des Halbklassenunterrichts?

Nachhaltige Bildung zeichnet sich durch Konzentration auf Wesentliches und durch eine vernünftige Zahl an überprüfbaren Kompetenzzielen aus. Lehrpersonen haben einen verbindlichen Grundauftrag zu erfüllen. Dieser darf nicht durch engmaschige Vorgaben und einem Zuviel an Unterrichtszielen bestimmt werden. Doch die Zürcher Volksschule soll nun offensichtlich das sehr umfangreiche Programm des Deutschschweizer Lehrplans 21 ungekürzt übernehmen. Das ist keine gute Voraussetzung für mehr Unterrichtsqualität, da durch planerische Hektik und fehlender Raum für das eminent wichtige Vertiefen von Lernprozessen die Gestaltungsfreiheit der Lehrpersonen stark eingeschränkt wird.

Es ist eine Illusion zu glauben, der Druck eines randvollen Bildungsprogramms könne durch Aufstockung der Lektionentafeln einfach aufgefangen werden. Kommt dann noch die Kostenneutralität dazu, geht dies unweigerlich mit einer Verschlechterung der schulischen Rahmenbedingungen einher. Statt mehr Halbklassenunterricht anzubieten, werden diese abgebaut, weil das Geld für die Mehrlektionen verwendet werden muss.

Lückenloses Bildungsangebot als Garant für mehr Schulqualität?

Am deutlichsten zeigt sich bei der Lektionentafel der Mittelstufe, dass man mit einem auf dem Papier sehr vielfältigen Bildungsprogramm möglichst allen Wünschen gerecht werden möchte. Früh zwei Fremdsprachen lernen, Sicherheit im Deutsch gewinnen, kindgerechtes Kennenlernen der Naturwissenschaften, systematische Einführung von Informatik und Medienkunde und Beibehaltung aller musischen Fächer, das ist doch unbestritten ein tolles Programm! Doch dieser Tanz auf mehreren Hochzeiten geht nicht mehr auf. Mit 31 Wochenlektionen ist das Fuder eindeutig überladen, obwohl durch den Abbau von Handarbeitsstunden ein für das Selbstvertrauen vieler Kinder wichtiger Fachbereich gekürzt wurde.

Entlastung der Mittelstufe durch Konzentration auf eine Fremdsprache

Für die Mittelstufe liegt eine praktikable Lösung auf der Hand, um pädagogische Hektik abzubauen: Konzentration auf nur eine Fremdsprache. Damit würde der Zersplitterung der Zielsetzungen ein Riegel geschoben. Doch statt die gescheiterte Übung abzubrechen, wird die Sprachen- und Kopflastigkeit der Mittelstufe noch verstärkt. Am frühen Lernen zweier Fremdsprachenlernen wird krampfhaft festgehalten, obschon die bescheidenen Resultate in keinem vernünftigen Verhältnis zum teuren Ausbildungsaufwand der Lehrpersonen stehen.

Der neue Zürcher Lehrplan 21 böte eigentlich die Chance, die Qualität der Bildung zu stärken. Doch wer verschlechterte Rahmenbedingungen für den Unterricht in Kauf nimmt, am falschen Ort die Mittel einsetzt und mit einem Zuviel an Versprechungen pädagogisch fragwürdig vorgeht, vermag nicht zu überzeugen.

Ein Lehrplan mit zu vielen offenen Fragen

Die meisten Lehrplanverantwortlichen versuchen nun, den Stellenwert des neuen Lehrplans zu relativieren, indem sie betonen, dass in erster Linie die Lehrmittel und nicht der Lehrplan den Schulalltag prägen. Ausgeblendet wird dabei eine Reihe ungelöster Fragen wie beispielsweise die Steuerung der Bildung durch ein ausgeklügeltes Monitoring oder die Gestaltung der komplexen Zeugnisse aufgrund des wenig übersichtlichen Lehrplanaufbaus. Die Einstellung, dass die Suppe nicht so heiss gegessen werde, wie sie gekocht wurde, drückt nicht gerade Aufbruchstimmung für ein Bildungsprogramm aus, das als Jahrhundertwerk angekündigt wurde. 

Zum Glück besteht jetzt die Chance, dass mit dem Start der Vernehmlassung zum Zürcher Lehrplan 21 endlich eine vertiefte Grundsatzdiskussion über eine kindgerechte Pädagogik, die diesen Namen auch verdient, stattfinden kann. 

Fehraltorf, 21. April 2016

Die Aktion Bildungs-Kompass dankt Hanspeter Amstutz für die freundliche Publikationsgenehmigung.