Diskussion um eine Neukonzeption der Lehrerbildung

Breit ausgebildete Klassenlehrkräfte sind zurzeit gesucht wie noch nie. Doch die pädagogischen Hochschulen scheint diese Tatsache wenig zu kümmern. Vielmehr hat man mit dem neuen Ausbildungskonzept den Generalisten dermassen die Flügel gestutzt, dass das Ausüben der Klassenlehrerfunktion immer schwieriger wird.

Moderner Unterricht stützt sich strukturell auf zusammenhängende Unterrichtsblöcke. Um diesen Vorteil zu nützen, braucht es Lehrkräfte, die eine relativ breite Fächerpalette abdecken können. Diese Generalisten können so besser am Puls einer Klasse bleiben. Sie gestalten den mehrstündigen Unterricht rhythmisierend und können flexibel auf die Aufnahmefähigkeit der Jugendlichen reagieren. Sie sorgen sie für schülergerechte Wechsel der Lernformen und für eine gesunde Musse im pädagogischen Lernprozess. Dank ihrer ganzheitlichen Sicht erkennen sie das Entwicklungspotenzial der Jugendlichen am besten. Bei bloss stundenweisen Unterrichtseinsätzen von Lehrpersonen hingegen sind die Jugendlichen oft schon beim Zusammenpacken, wenn noch wichtige Gespräche stattfinden müssten. Wie soll da eine tragfähige pädagogische Beziehung aufgebaut werden?

Mit zwanzig jungen Menschen im gleichen Boot auf eine mehrjährige Entdeckungsfahrt zu gehen und die Funktion des Kapitäns zu übernehmen, das ist die eigentliche Leistung der Klassenlehrkräfte. Diese bilden das Rückgrat unserer Volksschule und können durch eine grosse Zahl von Teilzeitlehrkräften wohl nur in den seltensten Fällen gleichwertig ersetzt werden. Damit sollen die hervorragenden Leistungen der Fachlehrkräfte in keine Weise geschmälert werden, aber ihre Funktion ist in erster Linie die Vermittlung von Fachwissen und nicht ein ganzheitlicher Erziehungs- und Bildungsauftrag.

Für die Oberstufe plädiere ich für eine Lehrerbildung, die zwei gleichwertige Grundtypen vorsieht: Den Generalisten mit relativ breiter Fächerpalette für die Sekundarschule B sowie Fächergruppenlehrkräfte mit zwei unterschiedlichen Profilen für die A-Abteilungen der Sekundarschule. Damit soll das Rad nicht einfach wieder zurückgedreht werden. Aber es gilt, die Bedürfnisse der Schulen stärker ins Zentrum zu rücken. Die akademisierte Lehrerbildung muss entschlackt werden. Statt der unzähligen wissenschaftlichen Abhandlungen in jedem Ausbildungsbereich sollte die Förderung der Lehrerpersönlichkeit wieder absoluten Vorrang haben. Bei der Konzentration auf nur noch zwei universitäre Fachbereiche könnten die Studierenden noch immer ausreichend mit dem wissenschaftlichen Denken vertraut gemacht werden. Mit der dadurch gewonnenen Ausbildungszeit würde dafür Platz für mehr praxisbezogene Lerninhalte geschaffen. Da besteht grosser Nachholbedarf.

Unter den Studierenden der Pädagogischen Hochschulen gibt es sehr viele, die den Lehrerberuf mit seinen grossartigen Gestaltungsmöglichkeiten ganzheitlich ausüben möchten. Sie stellen aber fest, dass ihnen für die Aufgabe des pädagogischen Unternehmers das Rüstzeug teilweise fehlt. In der Folge führt dies zu immer mehr Teilzeitpensen und zu aufwändigen Nachqualifikationen in einzelnen Fächern. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.

Die Erfahrung zeigt, dass gut ausgebildete Klassenlehrkräfte am besten imstande sind, auf die neue Schülergeneration zuzugehen und der Volksschule so die nötige Stabilität zu verleihen. Der Ball liegt vorerst bei den Erziehungsdirektoren und den Pädagogischen Hochschulen. Diese sind gut beraten, wenn sie die Rückmeldungen aus der Schulpraxis ernst nehmen und die Lehrerbildung einer gründlichen Überprüfung unterziehen.

Hanspeter Amstutz, Fehraltorf

Erstveröffentlichung auf schuleschweiz.blogspot.com