Interview mit Regierungsrat Christian Amsler, Schaffhauser Erziehungsdirektor und Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz, zum Lehrplan 21 in der «SonntagsZeitung», Ausgabe vom 6. Dezember 2015.

Sonntags Zeitung: Herr Amsler, eine linksliberale Oppositionsgruppe fordert, der Lehrplan 21 müsse vor das Volk. Man wirft Ihnen undemokratisches Vorgehen vor.

Christian Amsler: Dieser Vorwurf ist völlig verfehlt. Das Volk hat 2006 Ja gesagt zum Bildungsartikel und damit zum Auftrag, die Schulen zu harmonisieren.

Das Volk hat aber nie Ja gesagt zu einem Lehrplan, der auf Kompetenzen aufbaut und nicht mehr Lerninhalte beschreibt.

Der Gesetzgeber hat die Verantwortung für die Lehrpläne klar zugewiesen. In fast allen Kantonen ist dafür der Bildungs- respektive der Erziehungsrat oder der Regierungsrat zuständig. Seine Mitglieder sind demokratisch gewählt.

Trotzdem wurden in mehreren Kantonen Volksinitiativen gestartet, damit das Parlament und die Bevölkerung beim Lehrplan mitreden können. Das muss Ihnen doch zu denken geben.

Ich fände es völlig verfehlt, wenn das Kantonsparlament oder das Volk über einen Lehrplan abstimmt. Ein Lehrplan ist etwas so Komplexes, dass es richtig ist, wenn dafür ein Fachgremium zuständig ist. Die Gegner werfen uns natürlich vor, dass wir das Volk aushebeln. Aber die Beurteilung eines Lehrplans ist schlicht eine Überforderung der Gesamtbevölkerung. Das sage ich in aller Deutlichkeit.

Es stellt sich doch die Frage, ob man eine grundlegende Reform der Volksschule, wie sie jetzt von Experten beschlossen wurde, mit dem Verfassungsauftrag von 2006 begründen kann.

Der Lehrplan 21 ist keine Schulreform, sondern die logische Fortführung der bestehenden Lehrpläne, Die Krux des neuen Lehrplans ist, dass er viele Kritiker hat, aber praktisch keine Leser. Er muss als Sammelbecken für Unzufriedene herhalten. Das zeigt auch die grosse Bandbreite der Kritiker von links bis ganz rechts, von konservativen Christen bis zu Weltverschwörungsgruppen.

Was machen Sie in jenen 13 Kantonen, in denen Volksinitiativen gegen den Lehrplan gestartet wurden?

Wir können nichts anderes tun, als hinzustehen und uns zu äussern. Es gehört zu einer Demokratie, dass sich die Gegner formieren und Unterschriften sammeln. Es gab auch mehrere Vorstösse in den kantonalen Parlamenten. Da wurde eine klare Sprache gesprochen: Die Kantonsparlamente wollen nicht, dass sie zuständig sind für den Lehrplan.

Das Volk wollte eine einfachere Mobilität beim Schulwechsel von einem Kanton in den anderen. Stattdessen haben wir jetzt einen Flickenteppich bei den Fremdsprachen und dafür einen Lehrplan, den viele gar nie wollten.

Wenn man schaut, wo die Kantone noch vor ein paar Jahren standen, haben wir bei der Harmonisierung einen bemerkenswerten Stand erreicht. Mit Ausnahme der Sprachen. Da müssen wir uns nichts vormachen. In Kantonen, die an der Sprachgrenze liegen, beginnt man mit Französisch, in der Ostschweiz mit Englisch. Aber es ist ein No-Go, das in meinem Kanton umzukehren oder das Englisch aus der Primarschule zu kippen. Dass es bei den Fremdsprachen keine Einigung zwischen den Kantonen gibt, ist der Preis, den wir für unser föderales, vierkulturiges Land zahlen.

Für Empörung beim neuen Lehrplan sorgt, dass das Wissen den Kompetenzen untergeordnet wird. In einem Rundschreiben zum neuen Französischlehrmittel «Mille Feuilles» wird festgehalten, was man im Unterricht nicht mehr tun dürfe: Wörtchentests, Diktate, Grammatiktest.

Ich muss zugeben, das finde ich in dieser Absolutheit auch unglücklich. Dieses Lehrmittel ist umstritten. Wir benutzen es nicht im Kanton Schaffhausen.

Bereitet der Lehrplan 21 den Boden für «Neuerungen» wie Mille Feuilles?

Nein, überhaupt nicht. Es ist klar, dass man mit der neuen Fremdsprachendidaktik mehr die Freude an der Sprache wecken und einen angstfreien Zugang ermöglichen will. Früher war der Französischunterricht ja für viele Kinder ein absoluter Ablöscher, weil sie zum Beispiel Mühe hatten mit dem Passé Composé. Aber es ist sicher nicht das Ziel, dass in der Schule überhaupt keine Grammatik mehr gelehrt wird. Die SVP behauptet ständig, der Lehrer sei nur noch Coach, die Noten würden abgeschafft, es herrsche nur noch das Lustprinzip. Das ist absoluter Humbug. Der neue Lehrplan macht hier überhaupt keine Vorschriften.

Wir haben viele Stellungnahmen von engagierten Lehrern, zum Teil aus dem Kanton Bern, die sich nicht mehr trauen, sich kritisch zum Lehrplan zu äussern. Wer das tue, sei erledigt.

Das betrübt mich zutiefst, das kann nicht die Idee sein. Ich glaube aber nicht, dass in einem Kanton wirklich ein solches Klima der Angst herrscht. Die Lehrerinnen und Lehrer wurden mit Hearings, Workshops und in den Vernehmlassungen von Anfang an einbezogen.

Bei einer Präsentation im Kanton Thurgau zur Einführung des Lehrplans 21 heisst es, bei einem Lehrer, der nicht mitziehen wolle, müsse man den «Leidensdruck erhöhen». Ein Mittel, um bei widerspenstigen Lehrern zum Ziel zu kommen.

Das betrifft einen anderen Kanton, darum kommentiere ich das nicht. Es würde mich aber sehr überraschen, wenn ein Profi so argumentiert. Es ist eine Herausforderung, alle Lehrer an Bord zu holen. Andererseits handelt es sich um ein klares Angestelltenverhältnis. Die Schulbehörden und letztlich der Erziehungsdirektor ist verantwortlich, dass der Lehrplan eingeführt wird. Wenn es Lehrer gibt, die renitent sind und sich weigern, den Lehrplan umzusetzen, darf die Behörde keinen Millimeter zurückweichen. Der Lehrplan ist umzusetzen.

«SonntagsZeitung», 6. Dezember 2015 / Nadja Pastega und Armin Müller

Und das sagt der Bildungs-Kompass:

Im Interview mit der «SonntagsZeitung» wird Regierungsrat Amsler mit dem fragwürdigen Vorgehen der Bildungsbürokraten konfrontiert, welche den Lehrplan 21 hinterfragende Lehrer einzuschüchtern versuchen. Während er die Beurteilung eines Lehrplans als «eine Überforderung» für den Souverän und die kantonalen Parlamente einstuft und die Machtfülle sogenannter Fachgremien wortreich lobt, schiebt er bei Kritik die Verantwortung auf die einzelnen Kantone ab: «Das betrifft einen anderen Kanton, darum kommentiere ich das nicht.»

Und wenn Amsler, immerhin Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK), betont, die Behörden dürften «keinen Millimeter zurückweichen», wenn es «renitente» Lehrer gibt, die «sich weigern, den Lehrplan umzusetzen», dann mutet das fast schon an wie Kriegsrhetorik, die klar verdeutlicht, dass die unüberhörber vielfältige Kritik am Lehrplan 21 durchaus ihre Wirkung zeigt. Auf jeden Fall lässt diese in ihrer Absolutheit geäusserte Drohung eine zutiefst antidemokratische Grundhaltung erkennen.