200 Experten haben hinter verschlossenen Türen einen neuen Lehrplan erarbeitet. Das Resultat vermag nicht zu überzeugen.

Die Mär des vereinfachten Umzugs
In den Rahmeninformationen zum Lehrplan 21 steht, dieser „erleichtert den Wohnortswechsel von Familien mit schulpflichtigen Kindern“. – von Régis Ecklin

Das Untergraben der kantonalen Bildungshoheit wird mit einer fadenscheinigen Begründung legitimiert. Dass diese die meistgenannte ist und kaum hinterfragt wird, ist erstaunlich. Niemand scheint sich die Frage zu stellen: Wird beispielsweise Französisch je nach Kanton wirklich so grundverschieden unterrichtet, wie es das Argument suggeriert? Sind die Abläufe eines Spracherwerbs nicht immer in etwa dieselben? Man lernt, wie man sich vorstellt, wie man zählt, wie man einkauft und irgendwann beginnt man, einfache Bücher zu lesen. Selbst wenn sich Lehrpläne nicht bis ins letzte Detail gleichen, so sind doch die Inhalte immer etwa die gleichen und dass es wegen des Lehrplans früher schwierig gewesen sei, vom einen Kanton in den anderen zu ziehen, ist eine hanebüchene Implikation ohne Hand und Fuss. Auch die mathematischen Formeln variieren nicht von Kanton zu Kanton und in Geschichte hat kein kantonaler Lehrplan vorgesehen, zwei Jahre den Börsencrash von 1929 durchzuarbeiten, während andere Lehrpläne die Schlacht von Näfels als Herzstück des Geschichtsunterrichts bezeichnen. Die historischen Meilensteine sind in jedem Kanton dieselben - selbstverständlich mit einer gewissen durchaus willkommenen föderativen Färbung.

Ein Schüler, der im Kanton Zürich gute Noten schrieb, wird dies auch in Solothurn tun, und wer in St. Gallen Mühe hatte, wird auch in Luzern kämpfen müssen. Charaktereigenschaften wie Fleiss und Ehrgeiz bleiben beim Umzug in einen anderen Kanton erhalten. Kleine inhaltliche Unterschiede, wie es sie heute zwischen den kantonalen Lehrplänen gibt, sind hier kein Störfaktor.

Scheinbare Vergleichbarkeit
Laut HarmoS sollen die Bildungsziele pro Schuljahr vereinheitlicht werden, um den Wissensstand einzelner Schüler vergleichen zu können. Im Lehrplan 21 wird die neunjährige Volksschulausbildung aber in drei mehrjährige Zyklen unterteilt, womit wir uns von jeglicher Vergleichbarkeit entfernen. Und wieso bleiben Zeugnisnoten und summative Beurteilungen noch immer kantonal geregelt? Hier hätte man eine Vergleichbarkeit anstreben können.

Fragwürdige Lernziele
Der neue Lehrplan spricht von „Kompetenzen“. Vielversprechend, denn wer kompetent ist, der kann etwas. Der moderne Schüler weiss also nicht, wer Churchill war, aber es kann es nachschlagen. Ein Grossteil dieser Kompetenzen sind nichtssagende Worthülsen wie zum Beispiel: „Die Schüler können sich in neuen ungewohnten Situationen zurechtfinden.“ Aber auch das andere Extrem ist zu finden. Ein Lernziel, das die Autoren selbst kaum verstehen, geben sie folgendermassen zum Besten: „Die Schülerinnen und Schüler können Strategien nutzen, um auch Wörter mit nicht-eindeutiger Laut-Buchstaben-Zuordnung im gedruckten und elektronischen Wörterbuch zu finden.“

363 solcher Kompetenzen umfasst der Lehrplan. Weniger wäre hier sicher mehr gewesen, vor allem wenn man sieht, wie weit sich der Lehrplan in private Angelegenheiten einmischt: „Schülerinnen und Schüler können vielfältige, auch unkonventionelle Geschlechterrollen beschreiben.“ Gehört so etwas wirklich in den Unterricht? Weiter heisst es: „Schülerinnen und Schüler können beschreiben, was sie am eigenen und am anderen Geschlecht schätzen und verwenden eine sachliche und wertschätzende Sprache.“ Beide Lernziele sind für die Unter- und Mittelstufe vorgesehen. Dass Lehrer mittlerweile politisch-gesellschaftliche Fehlentwicklungen und elterliches Erziehungsversagen in ihrer Reparaturwerkstätte (früher: Schule) richten müssen, ist nichts Neues, aber das geht etwas weit.

Falsche Gewichtung

Diese unseriösen Lernziele sind die Folge des falsch gesetzten Fokus: Weniger Mathematik, Naturwissenschaften und Geschichte, mehr Wohlfühlthemen wie Genderrollen, Konsum, kulturelle Identität und Selbstfindung – interessanterweise aber stets ohne Bezug zu unserer christlich-abendländischen Kultur. Alibimässig steht hierzu: „[Die Schule] geht von christlichen, humanistischen und demokratischen Wertvorstellungen aus“. Das Christentum wird aber sonst im ganzen Lehrplan nirgends erwähnt, es ist selbst in der Rubrik „Ethik, Religionen, Gemeinschaft“ nur die Rede von „Vielfalt“, „Lebenslagen“ und „Lebenswelten“. Unter Berufung auf Multikulturalität wird tunlichst vermieden, der seit 1‘500 Jahren in Europa ansässigen Kultur einen gewissen Vorrang zu gewähren.

Die Lernziele sind an OECD-Standards orientiert. Auch das ist mit Blick auf die Pisa-Ergebnisse unserer Nachbarländer eine fragwürdige Entwicklung. Die absehbare Folge der Standardisierungssucht und der Regulierungswut ist, dass im Unterricht nur für das gute Abschneiden benötigte Inhalte behandelt werden. Eine Bildungsnivellierung nach unten ist Programm.

Die zwangsmontierten Samthandschuhe der Lehrer

Der ideologische Hintergrund des neuen Lehrplans ist der Konstruktivismus. Er geht davon aus, es gebe weder objektiv gesichertes Wissen noch eine verbindliche Wahrheit. Die Wahrheit müsse von jedem Einzelnen selbst konstruiert werden. Für die Schule heisst dies, dass jedes Kind sich seine Wirklichkeit ad libitum selber schaffen kann und sein Wissen selbst entdecken muss. Dass Lernen laut zahlreichen Didaktikern in der Interkation stattfindet, wird tendenziös ausgeblendet. Lernziele wie „Die Schülerinnen und Schüler können Bilder wahrnehmen, beobachten und darüber reflektieren“ zementieren zudem den Eindruck, die Schule verkomme zu einer Wohlfühloase.

Bereits heute haben viele Lehrmittel bewusst keinen roten Faden und keinen logischen Aufbau mehr. Der Ausdruck des selbstgesteuerten Lernens kommt so zwar nicht vor, aber der Wink mit dem Matterhorn ist unübersehbar: Bei den Schülern wird die Fähigkeit gefördert, „Lernen selbstständig zu gestalten und dafür zunehmend Verantwortung zu übernehmen“. Das Yoghurt-Lernziel, das durchaus vernünftig klingt, ist die beschönigende Formulierung einer erschreckenden Entwicklung, die bereits im Gange ist: Angehende Lehrer werden nur noch zu Lernbegleitern und moderierenden Architekten von Lernlandschaften ausgebildet. Die wichtige Lehrer-Schüler-Beziehung und die Klassengemeinschaft bleiben auf der Strecke. Was im angelsächsischen Raum längst gescheitert ist, wollen unsere Schultheoretiker verbindlich einführen.

Ausufernde Kosten
Dass in der Kürze die Würze liegt, wurde nicht beachtet. Der Zürcher Lehrplan umfasste für Kindergarten-, Primar- und Sekundarstufe 372 Seiten, während das neue Bürokratiemonster auf 470 Seiten verlängert wurde. Die EDK versichert: „Die Regelungsdichte des Lehrplans 21 ist mit den heute gültigen Lehrplänen vergleichbar.“ Schwer zu glauben, oder ist der neue Lehrplan einfach unnötig redundant? Möglich, schliesslich kommt das Wort „reflektieren“ statt 10 Mal nun satte 146 Mal vor. Eine mutige Ausdehnung der Rückwärtsgewandtheit.

Die Bildungsausgaben stellen mit über CHF 35 Mrd. den mit Abstand zweitgrössten Budgetposten hinter der sozialen Sicherheit dar. Sie haben sich in den letzten 25 Jahren verdoppelt und steigen jedes Jahr ungebremst weiter. Umgekehrt proportional dazu verhält sich das Schweizer Bildungsniveau. Eltern, Lehrmeister und Universitäten beklagen seit Jahren einen sinkenden Bildungsstand. Auf die Feststellung, dass Mehrausgaben offensichtlich nicht gewinnbringend sind, kennen die Bildungsbürokraten nur eine Antwort: Weitere Mehrausgaben. Umstrukturierung, Projektkosten und Weiterbildungen kosten den Kanton Thurgau beispielsweise 4,7 Millionen Franken und den Kanton Bern 5,5 Millionen. Profitieren eventuell Pädagogische Hochschulen von den Weiterbildungen, die sie nun anbieten können? Oder profitieren Professoren und Lehrmittelautoren davon, dass sie neue, auf den LP 21 abgestimmte Lehrmittel auf den Markt bringen dürfen? Die Erziehungsdirektoren und Hochschuldozenten verschaffen sich gegenseitig Mandate.

Über die weiteren Kosten hüllt sich die EDK in majestätisches Schweigen. Rechnet man die Zahlen aus dem Thurgau hoch, kostet alleine die Einführung des Lehrplans weit über 90 Millionen Franken. Zusätzlich schlägt die Lektionenaufstockung, die beispielsweise der Kanton Bern noch zu bewältigen hat, um dem Lehrplan 21 gerecht zu werden, mit 22 Millionen jährlich zu Buche.

Und just in dem Moment, in dem man denkt, die akademische Fehlkonstruktion Lehrplan 21 könne intellektuell nicht mehr unterboten werden, entgegnen von öffentlichen Geldern lebende Erziehungsdirektoren den Kritikern auf der Homepage Folgendes:

Am Lehrplan 21 wird Kritik geübt. Bei einigen Themen kann man unterschiedlicher Meinung sein. Aber viele Kritikpunkte basieren auf Missverständnissen oder darauf, dass die entsprechenden Stellen im Lehrplan nicht gefunden wurden.

Wer also nicht gleicher Meinung ist wie die selbsternannten Gralshüter der absoluten Pädagogik, der versteht es einfach falsch oder ist nicht fähig, die richtige Stelle im Lehrplan zu finden. Am Lernziel „Die Schülerinnen und Schüler können auf Meinungen und Standpunkte anderer achten und im Dialog darauf eingehen“ müssen die Experten also noch arbeiten.

Régis Ecklin