von Régis Ecklin

Was der deutsche Plural sonst noch kann

Die Studentinnen und Studenten werden als Praktikantinnen und Praktikanten, begleitet von ihren Mentorinnen und Mentoren, in der zweiten Studienwoche die Lehrerinnen und Lehrer, die vielleicht nach dem Studium ihre Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen sein werden, und deren Schülerinnen und Schüler kennenlernen.

Es ist schwierig, einen Satz gendergerechter zu formulieren als den obenstehenden. Auf der anderen Seite ist es auch schwierig, diesen Satz auf Anhieb zu verstehen. Es ist bemerkenswert, wie sich das Geschlechtliche in diesem Satz auf eine militante Art und Weise in den Vordergrund drängt und somit von der intendierten – in diesem Fall sehr simplen – Kernaussage ablenkt. Unter dem Deckmantel der geschlechtergerechten Sprache hat sich in gewissen Professoren- und Intellektuellenkreisen eine Manie entfaltet, möglichst jedem maskulinen Wort noch dessen weibliches Pendant auf Vorrat hinterherzuwerfen. Ob es ihnen dabei wirklich um sprachliche Gleichstellung geht, ist schwierig zu sagen. Auszuschliessen ist auch nicht, dass sich einige Bündnisse zu profilieren versuchen, indem sie der Sprache ihren eigenen stilistischen Stempel aufdrücken. Es bleibt natürlich jedem Autor unbenommen, den Schreibstil zu pflegen, den er für passend hält. So manch einer, dessen Schreibfreude sich in Grenzen hält, wird froh sein, seine Arbeit mit dieser Technik künstlich zu verlängern. Auch rhetorisch hölzerne Schreiber können durch die unnötige Verkomplizierung ihrer Sätze scheinbar eloquente Schilderungen zu Papier bringen. Brisant wird es dann, wenn oben genannte Kreise, meist in professoralen Elfenbeintürmen von jeglicher linguistischer Realität abgekapselt und ihren Einfluss auf die Sprache massiv überschätzend, sich das Recht nehmen, die Grammatiknormen neu zu definieren und ihre sprachlichen Abenteuer zur Regel erklären wollen.

Wie die romanischen Sprachen kennt nämlich auch Goethes Sprache das sogenannte generische Maskulinum, das laut Duden besagt, dass der Plural der maskulinen Form die weiblichen Exponenten einschliesst. „Generisches (nicht spezifisches, beide Geschlechter umfassendes) Maskulinum“, schreibt der Duden hierzu. Dieses Wissen kann im Ernsteinsatz sehr hilfreich sein, denn führt man diese Grammatik-Waffe erst einmal ins Feld, können damit die irritierenden Satzkörper dem Erdboden gleichgemacht werden und der obenstehende Satz lautet dann wie folgt: „Die Studenten werden als Praktikanten, begleitet von ihren Mentoren, in der zweiten Studienwoche die Lehrer, die vielleicht nach dem Studium ihre Arbeitskollegen sein werden, und deren Schüler kennenlernen.“ Das Faszinierende dabei ist, dass beide Sätze gleichbedeutend sind und der neuere nicht als falsch, unvollständig, diskriminierend usw. abqualifiziert werden darf.

Achtung: Woher weiss man nun, ob es sich um ein generisches oder ein herkömmliches Maskulinum handelt? Da es sich beim männlichen Plural ja lediglich um ein generisches Maskulinum handeln kann und nicht muss, ist es ebenso möglich, dass der maskuline Plural nur die männlichen Vertreter einer Gruppe meint. Was tut man dann? Diese Kann-Formulierung stellt den Leser natürlich vor zwei diametral unterschiedliche Deutungsoptionen und versetzt ihn nicht selten in nahezu aussichtslos verzwickte Verständnisengpässe. Um bei solch kniffligen Situationen zu erkennen, welche Bedeutung gemeint ist, muss also der Kontext beigezogen und in Kombination mit dem gesunden Menschenverstand die Meinung deduziert werden.

Sprachvernebelung

Auch das nun in breiten Pädagogenkreisen als standardisierter Ausdruck anerkannte Modewort „Lehrperson“ steht in der Frage der Daseinslegitimation nur auf wackeligen Beinen. Wenn von einer Lehrperson die Rede ist, ist nicht klar, ob eine Lehrerin oder ein Lehrer gemeint ist. Die Sprache wird unnötigerweise ihrer Genauigkeit beraubt. Schliesslich würde auch niemandem in den Sinn kommen, folgende Aussage zu tätigen: „Ich bin gestern in der Stadt deinem Elternteil begegnet.“ Bleiben wir also präzis.
Weshalb sollte man einen Menschen zu einem geschlechtsneutralen Etwas degradieren? Was ist falsch an den altbewährten Termini Lehrer und Lehrerin? Die Identifizierung als Mann oder Frau ist weder diskriminierend noch intellektuell sonderlich anspruchsvoll, oder weshalb erachten es gewisse Gruppierungen als nötig, sich geschlechtsneutral zu artikulieren?

Ein weiterer Grund, weshalb die Wortkreation „Lehrperson“ nie Eingang in den wissenschaftlichen Jargon hätte finden dürfen, kann mit einer simplen Gegenfrage erklärt werden: Wieso nennt man Piloten und Journalisten nicht Flugpersonen und Schreibpersonen? – Weil es unparodierbar lächerlich klingt.

Schlafende Dozierende

Die falsche Verwendung des Partizip Präsens erfreut sich in den letzten Jahren ebenfalls immer grösserer Beliebtheit. Aus Studenten werden Studierende und den Dozenten attestiert man ebenfalls plötzlich unerschöpfliche Tüchtigkeit, indem man sie in jeder Situation als Dozierende bezeichnet. Das Partizip Präsens drückt unmissverständlich eine Tätigkeit aus, und zwar eine, die momentan stattfindet. Ein Dozierender, der schläft, ist folglich eine Kontradiktion in sich. Als Dozierender ist er nur dann zu bezeichnen, wenn er gerade eine Vorlesung hält. Sein Beruf ist aber Dozent. So können auch Missverständnisse aus dem Weg geräumt werden. Oder wie kann man sich einen schlafenden Dozierenden vorstellen? Schläft er gerade oder hält er eine Vorlesung?

Wie dies bei allen Sprachfehlern ist, die sich nur genug epidemieartig im Volk verbreiten, hat sich der Duden auch dieser grotesken und von Lateinunkenntnis zeugender Sprachverunstaltung gebeugt und das Wort „Studierender“ schon aufgenommen. Aber auch die Dozenten werden bald in den Genuss des behördlich geduldeten Partizipmissbrauchs kommen und das Bild von emsigen Bienchen, die Tag und Nacht arbeiten, das einem durch den Kopf schiesst, wenn man PHZH hört, vervollständigen.
Da „docens“, das lateinische Wort, aus dem Dozent entlehnt ist, aber ohnehin schon „unterrichtend“ heisst, scheint es etwas zu gut gemeint, dass man dem lateinischen Partizip Präsens noch den deutschen anhängt. Schliesslich käme auch niemand auf die Idee, James Bond als Geheimagierenden zu bezeichnen.

Und auch ich hoffe, niemals einen PH-Absolvierenden genannt zu werden.

Régis Ecklin, Zollikon