Die Sprache kann Tatsachen verschleiern, aber sie kann keine Tatsachen schaffen. Dass man das ausgerechnet im Bildungswesen ignoriert, ist fahrlässig.

Immer mehr Hochschulen versuchen, die Sprache ihrer Studenten zu kontrollieren. Sprachleitfäden, die jeglicher grammatikalischen Grundlage entbehren, erblicken im Minutentakt das Tageslicht. Auch der Bund hat sich mit seinem 192-seitigen Genderverzeichnis bereits aus jeder seriösen Diskussion verabschiedet. Die Besessenheit der Behörden nach Sprachkontrolle ist auf die weit verbreitete Annahme zurückzuführen, die Sprache beeinflusse das Denken. Wenn das der Fall wäre, wäre der Satz «Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?» kein Witz, sondern eine rhetorische Frage. Tatsächlich werden die Gedanken weder von der Sprache noch von Sprachkontrollen beeinflusst. Seitdem man nicht mehr Neger sagen darf, gibt es keinen einzigen Rassisten weniger auf der Welt. Oder käme jemand auf die Idee, Fiebermesser zu verbieten, um Krankheiten vorzubeugen?

Vor diesem Hintergrund ist es verantwortungslos, dass sich im Schulwesen ein Jargon, gespickt mit Euphemismen und rhetorischen Eiertänzen, etabliert hat. Probleme werden nicht mehr beim Namen genannt in der Vorstellung, das Wort forme die Realität. Man spricht von «verhaltensauffälligen» Schülern, statt von frechen. Sie werden als «aktiv», noch beschönigender als «mitteilungsfreudig», bezeichnet, wenn sie in der Lektion reinrufen und ihnen Anstand und Disziplin fehlen, um aufzustrecken. Dann gibt es die Schüler, die «unabhängig» sind oder «ihren eigenen Kopf haben», was natürlich Formulierungen sind, die sich den Eltern gut verkaufen lassen. Was kann man schon gegen Unabhängigkeit und Entschlossenheit haben? Tatsächlich heisst diese Leerformel aber, dass das Kind den Lehrer nicht respektiert oder ein grundsätzliches Problem mit Autorität hat. Gemäss heutigem Bildungsdogma sind alle Schüler gleich. Es passt nicht ins Weltbild, dass es unter ihnen einfach Rotzbengel, Faulenzer und Egozentriker gibt, denen von Zeit zu Zeit die Leviten gelesen werden müssen. Man schwurbelt fleissig um die Tatsachen herum. Auch dass nicht jeder Schüler geboren ist, um Schuberts Unvollendete zu vollenden oder Einsteins Theorie zu relativieren, wird beharrlich negiert. Jeder Schüler könne alles erreichen, wird kolportiert. Wer durchs Band ungenügend ist, wurde früher noch als schlechter Schüler charakterisiert und heute mit viel rhetorischer Schminke als Schüler mit «besonderem Bildungsbedarf» deklariert.

Aber nicht nur an der Front wird fleissig mit Beschönigungsformeln operiert. Zahlreiche Dozenten an Pädagogischen Hochschulen befinden sich in einem regelrechten Schaumbad von Wohlfühlvokabeln. Wer denkt, das Gegenteil der Stärke sei die Schwäche, verkennt den Zeitgeist. Der moderne Pädagoge spricht vom «Entwicklungsbereich». Er soll auch nicht bewerten, sondern «rückmelden». Strafen soll er schon gar nicht, sondern, wenn schon, dann «intervenieren». Generell wurde alles, was nach Militär tönt, zum Abschuss freigegeben: Die Klassenführung wurde durch das «Klassenmanagement» ersetzt und Übungssammlungen, die dem Schüler eine Vertiefung in das Gelernte und Repetitionsmöglichkeiten für die Prüfung bieten, gibt es in den modernen Lehrmitteln immer weniger, denn Übungssammlungen sind Ausdruck der verpönten «Drillmethode».

Dann gibt es noch das Evangelium der Ich-Botschaften, das die direkte und unmissverständliche Kommunikation durch ein dreistufiges Rückmeldungsmodell ersetzt, das a) Wahrnehmung der Störung, b) Wirkung auf den Lehrer und c) den Wunsch des Lehrers formuliert. Das sieht dann so aus: Statt «Jeton, sei ruhig» sagt man: «Jeton, mir ist aufgefallen, dass du schwatzt. Das Schwatzen stört mich beim Erklären. Bitte hör auf zu schwatzen.»

Und in einem vierten Schritt fragt man sich dann, weshalb jeder dritte Neulehrer keine Klasse mehr führen kann und deshalb bereits in den ersten fünf Jahren resigniert.

Régis Ecklin, Zollikon ZH. Der Autor ist Student der Pädagogischen Hochschule Zürich.